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Amerikaner in Rheinland-Pfalz: Alltagskulturelle Begegnungen
Eindrücke von einer Tagung
60 Jahre gibt es das Bundesland Rheinland-Pfalz; seit 59 Jahren ist die Geschichte dieses Bundeslandes mit den USA verknüpft. Nimmt man die Auswanderung aus der Pfalz und anderen Regionen hinzu, reichen die Beziehungen natürlich wesentlich weiter zurück. Doch die jüngere Geschichte stand im Mittelpunkt einer Tagung, zu der die Atlantische Akademie Wissenschaftler, Politiker und interessierte Bürgerinnen und Bürger am 25. und 26. September 2007 auf den Umweltcampus Birkenfeld eingeladen hatte. „Als Freunde der deutsch-amerikanischen Beziehungen“, begrüßte Innenminister Karl-Peter Bruch (im Bild rechts mit Landrat Axel Redmer) bei einem Empfang die Gäste, „die wissen, was beide Länder verbindet und an der gemeinsamen Idee von Freiheit und Menschenrechten festhalten.“
Der Ort der Tagung war mit Bedacht gewählt. Denn die Gebäude, in denen heute junge Leute Umweltwissenschaften studieren und wie auf dem Campus einer amerikanischen Universität auch wohnen, waren während des Kalten Krieges von den Amerikanern als Reservelazarett errichtet worden. „Hier wurde niemals auch nur ein Patient behandelt“, so Gregor Schulte vom Innenministerium des Landes Rheinland-Pfalz. Die Matratzen waren noch eingeschweißt, als die Deutschen das Krankenhaus übernahmen. Sarglager und Krematorium waren ungenutzt, aber an alles hatte man gedacht, für den Fall der Fälle, der glücklicherweise nie eingetreten ist. „Hier hat man wirklich Schwerter zu Pflugscharen gemacht“, so Schulte.
Grundsteinlegung für eine neue Beziehung
Doch was hatte die Amerikaner nach 1948 bewogen, Flughäfen und Kasernen in Rheinland-Pfalz zu errichten? Diese Frage beantworteten zwei aus den USA angereiste Militärhistoriker, Bryan T. van Sweringen für die Armee und Daniel F. Harrington (Foto links) für die Air Force der Amerikaner. „Amerikanische Stationierungspolitik ist fester Bestandteil der Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten“, so van Sweringen. „Nichts ist haltbarer als das Provisorische“, so Harrington. Am Anfang standen logistische Überlegungen: Rheinland-Pfalz bot eine größere Entfernung von den feindlichen Truppen und damit mehr Sicherheit für die eigenen Soldaten. Das galt auch für die Flugzeuge; die Flughäfen in Hessen und Bayern galten als verwundbar, so dass man Anfang der fünfziger Jahre gemeinsam mit den Franzosen über neue Versorgungslinien nachdachte. Denen war eine deutsche Wiederaufrüstung ein Gräuel. Amerikanische GIs waren dagegen willkommen, als während des Korea-Krieges die Spannungen zwischen den Blöcken zunahmen. Nachdem die von den Franzosen angebotene vorübergehende Nutzung von Flughäfen ausschied, einigte man sich darauf, neue und längere Rollbahnen zu bauen. Das war die Chance für die Deutschen, denn während es in der Zusammenarbeit mit den Franzosen oft knirschte, weil man sich über die Standards der Rollbahnen nicht einigen konnte, übertraf die Zusammenarbeit mit den Deutschen die Erwartungen der Amerikaner. Man hatte mit Anti-Amerikanismus gerechnet, doch Konflikte gab es eher zwischen der einheimischen Bevölkerung und den aus anderen Landesteilen zugewanderten Arbeitern. Damit war der Grundstein für eine neue Beziehung gelegt, so Daniel F. Harrington. Aus der Besatzungsmacht wurde ein Alliierter, der als Freund gesehen werden wollte und deshalb auch so handeln musste.
213.000 Soldaten waren 1989 noch in Deutschland stationiert, doch mit dem Ende des Kalten Krieges begann der Rückzug der Amerikaner, der „draw down“, diesmal im Zeichen einer globalen Strategie. Für diese ist die Präsenz in Deutschland jedoch weiterhin wichtig, urteilt der Historiker Harrington. Diese Umstrukturierung der Streitkräfte wurde durch den Krieg im Irak verzögert, so van Sweringen. Hinzu kommt, dass die Präsenz der Amerikaner sich gewandelt hat, sie Nachbarn, Partner, Freunde geworden sind. Dazu hat eine Besonderheit amerikanischer Stationierungspolitik beigetragen, auf die der Politikwissenschaftler Thomas Leuerer aus Würzburg hinwies, nämlich das zivile Element der Stationierungspolitik. Ganz bewusst wurden die Familien der Soldaten mit nach Deutschland geholt. Das war nicht nur amerikanische Tradition, sondern wurde vom Militärgouverneur Lucius D. Clay auch bewusst eingesetzt - als Signal an den Freund und an den Feind.
Erst Akzeptanz, dann Freundschaft
Der wechselseitigen Akzeptanz, manchmal auch Freundschaft zwischen Deutschen und Amerikanern an den Stationierungsorten hat diese Entscheidung genutzt. Denn das förderte die Begegnung mit den Deutschen und schuf im Laufe der Zeit ein enges Geflecht von Beziehungen zwischen den Soldaten, ihren Familien und ihren deutschen Nachbarn. Als Mieter, Kunde und Arbeitgeber traten die Amerikaner auf, denn auch Soldaten haben Feierabend, wollen ihre Freizeit genießen und können nicht alles selber machen. „Aus dem Nebeneinander wurde durch persönliche Beziehungen ein Miteinander“, so das Fazit der Studie, die die Amerikanistin Martina Tunali (im Bild links) zu ihrem Heimatort Binsfeld nahe der Airbase Spangdahlem durchgeführt hat. Erschwert wird dieses Miteinander dadurch, dass der Aufenthalt der amerikanischen Soldaten begrenzt ist. Für die einfachen Soldaten ist die militärisch-zivile Grenze schwerer zu überqueren als für ihre Vorgesetzten. Sie sind akzeptiert, aber weniger integriert. So bleiben die Deutschen bei ihren Festen eher unter sich. Man trifft sich jedoch in der Diskothek.
Menschliche Bedürfnisse nach Liebe und stabilen Beziehungen, Heimat und Familie lassen sich nur schwer mit dem Beruf des Soldaten vereinbaren. Das stellte die Ethnologin Signe Seiler (im Foto unten mit Thomas Leurerer) aus Mainz fest, als sie in den 1980er Jahren die GIs in einem kleinen Ort in der Nähe von Mainz untersuchte. Sie traf sich mit den Soldatinnen und Soldaten in den Kneipen oder in der Diskothek und interessierte sich für ihre Einstellungen zu ihrem Beruf, ihr Familienleben und ihre Freizeit. Die Versetzung in eine kleine Stadt in ländlicher Region war für manche Soldaten ein Schock. Die Erwartung an das Militär hinsichtlich beruflicher Qualifizierung erfüllte sich nicht immer. Den ganzen Tag Raketen zu bewachen, konnte langweilen. Stress durch Alarm und Manöver machte dagegen die Freizeit unplanbar. Doch die war umso wichtiger, wenn man nach der Arbeit nicht „nach Hause“ kann. Der „contact club“ wurde zur wichtigsten Anlaufstelle. „Außerhalb der Kaserne bekam jeder, was er brauchte, auch Alkohol und Drogen“, so die Ethnologin über ihre vor zwanzig Jahren gesammelten Eindrücke.
Einfacher hatten es da die Deutschen, die für die Amerikaner arbeiteten, wie der Amerikanist Oliver Strauss aus Darmstadt in seinen im Landkreis Birkenfeld geführten Interviews mit ehemaligen "local nationals" feststellte. „Keiner der Befragten hat gesagt, dass er nicht noch einmal für die Amerikaner arbeiten würde“, so Strauss. Das ist verständlich, denn die Bezahlung war gut, der Stress eher gering. Das Kürzel R&U, „Repair & Utility“, stand bei den Deutschen für „Rast & Urlaub“. Motiviert wurde man jedoch auch durch die die Möglichkeiten des Aufstiegs und der Fortbildung. „Deutsche Pünktlichkeit war für die Amerikaner Zauberei“, so Strauss. Die Amerikaner waren überrascht, wie gut deutsche Handwerker arbeiteten. Gelegentlich auch neidisch, wenn sie an die Bezahlung der Deutschen dachten. „It’s good to be a German“, hieß es dann. Manches muss den Deutschen jedoch neu vorgekommen sein, vermutete der Historiker Karl-Heinz Rothenberger aus Landau. Ausführlich gelobt zu werden zum Beispiel, oder als Mitarbeiter, nicht als Untergebener betrachtet zu werden. Für die Amerikaner war dagegen der deutsche Betriebsrat gewöhnungsbedürftig.
Neue Berührungspunkte durch den Wandel in beiden Gesellschaften
Als „Little Americas“ waren die Militärstützpunkte Teil der amerikanischen Gesellschaft. Was sich dort ereignete, wie die Rassenunruhen und die Bürgerrechtsbewegung, wirkte zurück nach Deutschland. Und was in Deutschland möglich, in den USA in vielen Staaten verboten war, wirkte zurück nach Amerika. So konnte die Bürgerrechtsbewegung darauf hinweisen, dass man während des zweiten Weltkriegs in Europa gegen etwas gekämpft hatte, was in Amerika noch längst nicht ausgerottet war: Rassismus und Diskriminierung, in Deutschland gegen die Juden gerichtet, in den USA gegen die Afroamerikaner. Schwarze Soldaten wie Colin Powell empfanden Deutschland daher als Befreiung, so die Historikerin Maria Höhn (Foto links). „Im ‚Land des Hasses’ konnte man Freiheit erfahren, das machte bitter.“ Wer als Schwarzer Soldat in Deutschland eine weiße Frau heiratete, musste damit rechnen, dass er sein Frau nicht mit nach Hause nehmen durfte, denn in etlichen Staaten waren Ehen zwischen Schwarz und Weiß verboten, bis dieses Verbot im Jahr 1967 durch den Supreme Court aufgehoben wurde. Das brachte Zeitschriften wie Ebony zu dem Schluss, dass in Deutschland mehr Demokratie möglich ist als in den USA. Doch in Deutschland waren zwar die Rassengesetze der Nazis nach dem Krieg abgeschafft worden, nicht jedoch die Vorurteile gegenüber gemischtrassischen Ehen, die auch hierzulande mancher als nicht von Gott gewollt und somit natur- und kulturwidrig betrachtete. „Schwarz-weiße Paare forderten auch die deutsche Gesellschaft heraus“, so Höhn.
Als Teil der amerikanischen Gesellschaft wurden die Militärstützpunkte in Deutschland auch Schauplatz von Protest und Rassenunruhen. Diesen wenig bekannten Aspekt deutsch-amerikanischer Geschichte beleuchtete der Historiker Alexander Vazansky (Foto unten) in seinem Vortrag. Zu Beginn der 1970er Jahre machten amerikanische Zeitungen auf die Missstände auf den Militärstützpunkten in Deutschland aufmerksam. Sie wiesen auf den physischen Zerfall der Kasernen hin, zu dem ein seelischer Zerfall der Soldaten hinzu komme. Der Vietnamkrieg forderte Opfer unter der Zivilbevölkerung und den Soldaten, was auch in amerikanischen Kasernen in Deutschland zu spüren war. Frustriert waren vor allem die afro-amerikanischen Soldaten, die sich über Ressentiments ihrer weißen Kollegen, Diskriminierung bei Beförderungen und Urteilen der Militärgerichtsbarkeit beklagten. Die Beschwerden führten zu Spannungen, Protest und sogar gewaltsamen Auseinandersetzungen. Baumholder wurde damals zu einem Brennpunkt der Rassenunruhen, so Vazansky. Für die Aktivisten der 68er Bewegung war das ein Anlass, den Kontakt mit den Schwarzen zu suchen, die sich in der „Black Defense Group“ organisiert hatten. Die militärische Führung der Amerikaner reagierte ebenfalls: Mit der Ablösung des Kommandanten in Europa, der Schaffung eines „Defense Race Relations Institute“ und weiteren Institutionen, in denen die afro-amerikanischen Soldaten ihre Beschwerden vorbringen konnten. So wurden die Konflikte zumindest anerkannt, wenn auch nicht unbedingt gelöst.
Deutsche und Amerikaner blieben oft unter sich. Das war jedoch nicht immer möglich, denn das Radio der Amerikaner strahlte über die Grenzen der Militärstützpunkte hinaus, auch in Regionen, wo man die Amerikaner nicht unmittelbar als Nachbarn hatte. Der Musikredakteur von Radio Bremen Michael Rumpf zeigte, dass der Sender AFN viele junge Leute in Deutschland als Hörer und Fans von Popmusik gewinnen konnte, als die deutschen Radiosender - Rumpf demonstrierte dies am damaligen SWF und SDR - sich noch als elitäres Bildungsradio verstanden und der deutsche Schlager dominierte. Doch nicht nur die Popmusik achte AFN attraktiv, es waren auch neue Elemente der Unterhaltung, der Moderation und der Programmgestaltung, die deutsche Sender als verstaubt und altmodisch erschienen ließen. Bis die ARD und ihre Sendeanstalten Ende der 1960er Jahre aufwachten, dauerte es eine Weile, und manchen jungen Hörer, der außerhalb der Reichweite von AFN lebte, trieb das fast zur Verzweiflung.
Militärstützpunkte sind Berührungspunkte zischen zwei Gesellschaften. Sie haben, wie die Raumplanerin Kirstin Weber zeigte, Bedeutung für den Raum, in dem die Menschen leben - mit vielerlei Wirkungen für die Infrastruktur, die lokale Ökonomie und die Umwelt. Müssten die umliegenden Gemeinden auf die Kaufkraft der Soldaten und ihrer Familien verzichten, dann würden Einzelhandel und Gastronomie das zu spüren bekommen. Doch auch die Belastungen für die Kommunen müssten mitbedacht werden, manches könne durchaus noch optimiert werden, meinte die junge Wissenschaftlerin. So überrascht es nicht, dass die Bewohner der Region auf beiden Seiten der Grenze zwischen Stützpunkt und umliegenden Gemeinden ein eigenes „Grenzbewusstsein“ entwickelt haben, das Verflechtungen über die Grenzen hinweg fördert und manchmal eigene Wege geht, wenn es zwischen den nationalen Regierungen knirscht. Wie im Jahr 2003, als Lokalpolitiker aus der Region um Ramstein in die USA reisten, um die Eiszeit zwischen den Regierungen in Washington und Berlin nicht zu kalt werden zu lassen. Als eine solche Grenzregion mit halb durchlässiger Grenze will der Amerikanist Jörg Zorbach (im Foto oben mit Martina Tunali) die Region um die Airbase Ramstein verstanden wissen, in der sich eine eigene Identität und ein Gefühl der Solidarität herausbildet.
Eine Tradition, die es zu bewahren gilt
Diese Identität kann auch Folge einer kulturellen Annäherung sein, einer Konvergenz der pfälzischen und der amerikanischen Kultur, wie sie Samuel Thompson aus Colorado im Verlauf von mehr als zwanzig Jahren beobachten konnte. So lange lebt er schon zwischen diesen beiden Welten, teils dort, teils in Kollweiler am Donnersberg. Als Ingenieur ist er davon überzeugt, dass sich diese Konvergenz auch in Zukunft fortsetzen wird.
Daran sind auch die Kommunalpolitiker aus der Region interessiert, wie sich in der abschließenden Podiumsdiskussion zeigte. Plädiert wurde für Transparenz, Verlässlichkeit, Vertrauen und Pragmatismus im Umgang miteinander. Es gelte, eine Tradition zu bewahren. Die wolle man geschichtlich aufarbeiten, so Axel Redmer, der Landrat des Kreises Birkenfeld. Die Menschen in der Region haben erkannt, dass man mit den Amerikanern Tür an Tür leben kann; die Amerikaner sind Nachbarn, sie dürfen sich hier sicher fühlen, so das Fazit der Kommunalpolitiker. Denn man kümmert sich um ihre Belange und hofft darauf, dass die große Politik keine Entscheidungen trifft, die die Region vor kaum zu bewältigende Herausforderungen stellen würde. „Ami bleib hier“ hießt denn der Titel eines Dokumentarfilms über Baumholder von Hansjürgen Hilgert. Der Film zeigt, wie sehr diese kleine Gemeinde vom amerikanischen Militär geprägt wurde und wird - und wie sie nun darum bangt, dass es - so der Untertitel des sehenswerten Films - einen „Abschied auf Raten“ geben könnte. (wt)
Wir danken sehr herzlich
- dem Landkreis Birkenfeld
- der Umwelt-Campus Birkenfeld Entwicklungs- und Management GmbH (UCB) und
- dem Ministerium des Inneren und für Sport Rheinland-Pfalz
für die freundliche Unterstützung unserer Tagung
- der Nahe-Zeitung für die Überlassung des Fotos der Podiumsdiskussion.
Das Programm zu dieser Tagung können Sie hier als pdf-Datei herunterladen.
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