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Am 23.4.09 hielt der amerikanische Soziologe Stephen Kalberg auf Einladung der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz und des Seminars für Amerikanistik der Universität Mainz dort einen Vortrag, in dem er den seiner Meinung nach wichtigsten Grund für den allmählichen Abbau der Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen darlegt. Mittlerweile liegt der Vortrag in einer überarbeiteten Fassung vor; wir freuen uns, dass Professor Kalberg uns ausdrücklich ermächtigt hat, seine These auf unserer Homepage zur Diskussion zu stellen. Stephen Kalberg lehrt Soziologie an der Universität Boston und ist Max-Weber-Experte. Seine Forschungsschwerpunkte sind Soziologische Theorie, Vergleichende Soziologie und Politische Soziologie. Email-Adresse:
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(Official White House Photo by Pete Souza)
Arbeit, Leistung und Assimilation: zur amerikanischen Gesellschaft von den Puritanern bis Barack Obama
Stephen Kalberg Boston University
Die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten Amerikas im letzten Herbst bot – wie ich hier argumentieren möchte – deutliche Beweise dafür, dass sich die Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen in Amerika in den letzten Jahren beträchtlich verringert haben und dass viele bis dahin etablierte negative Formen der Wahrnehmung schwarzer Amerikaner heute nur noch in schwacher Form vorhanden sind. Tatsächlich sind sich beinahe alle Kommentatoren darüber einig, dass die Wahl in Hinsicht auf die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen einen Wendepunkt in der amerikanischen Geschichte darstellt. Sicher wäre die Wahl eines Schwarzen zum Präsidenten bis vor kurzem vollkommen unvorstellbar gewesen.
Wie können wir diesen Wandel erklären?
Zwei Erklärungen sind am häufigsten vorgebracht worden. Ich beziehe mich auf die Erklärung durch “Amerikanische Ideale” und die Erklärung durch die amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre. Im folgenden werde ich beide sehr kurz kommentieren, kritisieren und dann eine alternative Erklärung vorschlagen.
Die Erklärung durch “Amerikanische Ideale”
Diese Erklärung bezieht sich auf folgende Ideale, wie sie in der Unabhängigkeitserklärung, der amerikanischen Verfassung und der “Bill of Rights” manifestiert sind: Chancengleichheit, Rechte des Einzelnen, Grundrechte, persönliche Freiheit. Hiernach kann die Geschichte der Rassenverhältnisse in den USA seit 1920 als fortschreitende Verwirklichung dieser amerikanischen Ideale verstanden werden. Die Wahl Obamas markiert dann die jüngste Annäherung an diese Ideale.
Doch eine eindeutige Schwäche dieser Erklärung ist, dass Ideale allein nicht stark genug sind, um Rassismus und tiefsitzende Vorurteile anzugehen und zu vertreiben. Der auschließliche Hinweis auf amerikanische Ideale bietet eine – meiner Meinung nach – hilfreiche, aber unvollständige und unzureichende Erklärung.
Die Erklärung durch die amerikanische Bürgerrechtsbewegung
Diese Erklärung behauptet, dass die Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre dadurch, dass sie auf eine enorme Diskrepanz zwischen amerikanischen Idealen wie “Chancen-gleichheit,” “ein Mann, eine Stimme,” usw., und dem alltäglichen Rassismus (z.B. die Verweigerung des Stimmrechtes) hinwies, das Bewusstsein der Amerikaner für diese Diskrepanz schärfte und sie dazu bewegte, ihre Ideale im Alltagsleben auch zu verwirklichen.
Obwohl hilfreich, greift auch diese Erklärung zu kurz: Sie konzentriert sich allein auf die letzte Stufe einer viel längeren Entwicklung. Dazu betont sie zu sehr die idealistische Seite: auch sie führt Wandel in Einstellungen und Werten allein auf den Einfluss von Idealen zurück.
Die Erklärung durch "tiefenkulturelle" Besonderheiten der amerikanischen Gesellschaft
Diese zwei Haupterklärungen für die Wahl Obamas sind also nicht falsch, sondern unvollständig. Die in ihnen benannten Faktoren sind notwendige Voraussetzungen für das Abnehmen von Rassismus, aber allein reichen sie nicht aus, um einen solchen Gesellschaftswandel tatsächlich hervorzubringen. Ein weiteres Erklärungsmuster muss angeboten werden. Eine angemessenere Erklärung einer Verringerung der Spannungen zwischen Schwarzen und Weissen muss zusätzliche infrastrukturelle - oder “tiefenkulturelle” - Besonderheiten der amerikanischen Gesellschaft in Betracht ziehen.
In diesem Sinne möchte ich mit meiner Erklärung einen anderen wesentlichen Aspekt der amerikanischen Gesellschaft in den Vordergrund stellen, und zwar die amerikanische Kultivierung einer ungewöhnlich starken Orientierung hin auf methodische Arbeit und die intensive Leistung des Einzelnen. Dieses wesentliche Element der amerikanschen Gesellschaft - so meine Erklärung - treibt die immer stärkere Assimilation von Minderheiten - inklusive insbesondere auch das Abnehmen der Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen – auf eine überraschende und nicht immer sofort offensichtliche Art und Weise voran. Ich werde in dieser Hinsicht fünf Hauptzüge der amerikanischen Gesellschaft kurz diskutieren.
1) Puritanismus. Nach Max Weber ist Puritanismus bekannt als eine Erlösungsreligion, die die Charakteristika der amerikanischen Gesellschaft - methodische Arbeit und Leistungsorientierung und Aufwärtsmobilität - in Gang gesetzt hat. Zunächst zum Thema methodische Arbeit.
a) Methodische Arbeit: Im 17. Jahrundert betonte der Puritaner Richard Baxter, die Welt sei dazu bestimmt, der Selbstverherrlichung Gottes zu dienen, und nach Gottes Willen sollten in seinem Königreich Wohlstand, Gleichheit und Wohlergehen herrschen, denn Überfluss unter “seinen Kindern” erfülle den Zweck, Seine Güte, Majestät und Gerechtigkeit zu rühmen. Regelmäßige, gewissenhafte Arbeit – Arbeit in einem ‘Beruf’ – wurde damit zu einem Mittel, um Gottes Gemeinschaft auf Erden zu schaffen. Arbeit erhielt so religiöse Bedeutung für die Gläubigen. Sie verstanden ihre weltliche wirtschaftliche Betätigung als Dienst für einen fordernden Gott und konnten sich als edle Vollstrecker - oder “Werkzeuge” - Seiner Gebote und Seines Göttlichen Plans betrachten: “Arbeit im Dienst dieses unpersönlichen gesellschaftlichen Nutzens” wurde als “Gottes Ruhm fördernd” begriffen In der Tat konnten die Gläubigen, die zu systematischer Arbeit im Dienste von Gottes Plan in der Lage waren, zu der Überzeugung gelangen, dass sie ihre Kraft, dies zu tun, der helfenden Hand eines allmächtigen Gottes verdankten und - so konnten sie weiter folgern - Gott würde nur jenen helfen, die er zu Auserwählten ausersehen hatte.
Überdies hat - Baxter zufolge - die stetige, systematische Arbeit für den guten Christen noch einen unbestreitbaren Vorzug: Sie zähmt die kreatürliche, niedrige Seite der menschlichen Natur. Schließlich wirkt “rastlose Berufsarbeit” auch erfolgreich dem nagenden Zweifel, der Angst und dem Gefühl der Unwürdigkeit entgegen, die durch die Prädestinationslehre geweckt werden, und flößt ein Selbstvertrauen ein, das den Gläubigen erlaubt, sich zu den Erwählten zu zählen. Auf diese Weise wurde systematische Arbeit genau wie die “systematische rationale Gestaltung des ethischen Gesamtlebens” geheiligt oder, wie Weber sagt, “providentiell”.
Nun zum anderen Hauptelement des Puritanismus in Amerika: b) Leistungsorientierung und Aufwärtsmobilität der Puritaner: Nach der Prädestinationslehre konnten Gläubige nicht wissen, ob sie zu den Geretteten gehörten. Doch in Anbetracht von Gottes Wunsch, dass ein weltliches Königreich des Überflusses Seinen Ruhm mehren möge, konnten sie logisch den Schluss ziehen, dass es ein Zeichen für die Auserwähltheit eines bestimmten Menschen durch Gott war, wenn dieser grossen Wohlstand für die Gemeinschaft schuf. Tatsächlich wurde persönlicher Wohlstand für den Gläubigen zum greifbaren Beweis, dass er zu den Erretteten gehört. Gott in seiner Allmacht und Allwissenheit würde es gewiss nie zulassen, dass ein Verdammter Seine Ehre pries, denn “in der Erlangung des Reichtums als Frucht der Berufsarbeit [erkannte der Gläubige] Gottes Segen” (Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I [1972]: 192), denn: In Gottes Reich geschieht nichts zufällig.
Zwar konnten die Gläubigen nie ganz sicher sein, dass sie wirklich zu den Auserwählten gehörten, aber diejenigen unter ihnen mit ausgeprägtem Geschäftssinn konnten sich bemühen, den Beweis dafür selbst zu produzieren - wörtlich verstanden, in Form von Reichtum und Gewinn (ebd.: 176 ff) -, der es ihnen ermöglichte, von ihrem Status als Gerettete überzeugt zu sein. Angesichts der unerträglichen Angst, die die zentrale Glaubensfrage "Bin ich unter den Geretteten?" im 16. und 17. Jahrhundert hervorrief, war, wie Weber betonte, die Frage, wie man sich des eigenen Heils versichern konnte, ein Thema von allerhöchster Wichtigkeit. Durch Baxters Modifikationen der calvinistischen Heilslehre bekamen Reichtümer unter den Gläubigen auf einzigartige Weise eine religiöse Bedeutung: Sie wurden Zeichen dafür, dass jemand zu den Auserwählten gehörte. Methodische Arbeit galt künftig als das angemessene Mittel, um zu Reichtum zu gelangen. In den amerikanischen Kolonien konnte sich der Puritanismus ausbreiten. Auf amerikanischem Boden begegneten ihm weder Feudalismus noch andere, mit ihm konkurrierende Religionen; der Katholizismus zum Beispiel wurde erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts einflussreich. Mit Hilfe der Institution der religiösen Gemeinde - einer zusammenhängenden Organisation, die die Ideen und Werte des Puritanismus effektiv über mehrere Generationen hinweg tragen konnte - breitete sich der Puritanismus weit in der amerikanischen Gesellschaft aus.
Obwohl der Einfluss des Puritanismus auf die frühen amerikanischen Kolonien und die frühen Vereinigten Staaten kaum unterschätzt werden kann, ist die Einstellung der Amerikaner zu Arbeit, Aufstiegssmobilität und Erfolg an sich nicht ausschließlich durch den Puritanismus zu erklären. Wenn wir an dieser Stelle die amerikanische Geschichte sozusagen „vorspulen“, können wir beobachten, wie andere historische Entwicklungen – an sich unabhängig vom Puritanismus – puritanische Werte und Vorstellungen von Arbeit, Erfolg, und Aufstiegsmobilität in säkularisierten Formen stärkten und ihnen zusätzliche Nahrung boten. Lassen Sie mich hierzu kurz noch vier zusätzliche Faktoren nennen. Sie sind sehr bekannt und müssen nur stichwortartig besprochen werden: 2) Die Einwanderungswellen zwischen 1840 und 1920. Die Jahrzehnte zwischen 1840 und 1920 sahen - bis zu den achtziger und neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts - die höchsten Einwanderungszahlen. Einwanderer sind häufig tatkräftig, abenteuerlustig, selbstsicher, leistungsorientiert, aufstiegsorientiert und zielgerichtet. Diese Gruppe ist eine von vornherein ausgewählte Gruppe, die die puritanischen Vermächtnisse Arbeitsethik und Leistungsorientierung stärkte.
3) Die Horatio-Alger-Ideologie: vom Tellerwäscher zum Millionär. Diese Ideologie der Aufwärtsmobilität stärkte die Selbststylisierung von Amerika als “Land der unbegrenzten Möglichkeiten”. Diese Maxime, seit 1800 in Europa von den gebildeten Schichten gern verspottet, trägt bis heute seinen Teil dazu, die puritanische Herkunft und die damit verbundene aufgewertete Rolle von Arbeit und Leistung für das amerikanische Selbstverständnis aufrecht zu erhalten.
4) Der Sozialdarwinismus (1880 - 1900). Der Sozialdarwinismus war eine Ideologie, die in Deutschland nur begrenzt auf der rechten Seite des politischen Spektrums Fuß fasste, in Amerika aber viel einflussreicher wurde. Er verkündete, dass die fähigsten Individuen die stärksten sind. Was genau “fähig” sein heisst, definiert sich durch den Erfolg: diejenigen, die am oberen Ende der sozialen Aufstiegsleiter angekommen sind, legitimieren sich damit automatisch. So wird die puritanische Arbeits- und Leistungsethik immer wieder neu belebt und weitergepflegt. Schließlich kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, der das puritanische ‘Erbe’ aufrecht erhält, und zwar der amerikanische Kapitalismus.
5) Amerikanischer Kapitalismus. Die oben genannten gesellschaftlichen Faktoren trugen dazu bei, dass sich in den Jahren bis 1900 in Amerika ein Kapitalismus des freien Marktes entwickelte. Diese Wirtschaft bot mehr Spielraum als der Kapitalismus im europäischen Stil. Insbesondere war die US-Wirtschaft viel ungebundener als der deutsche Kapitalismus. Das bedeutete nicht nur einen vergleichsweise unregulierten “freien Markt,” sondern auch eine Form des Kapitalismus ohne Sicherheitsnetz: Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, staatliche Krankenkassen usw. waren - anders als in Europa - nicht vorhanden. Im amerikanischen Kapitalismus, charakterisiert durch die methodische Arbeitsethik und den Aufstiegsehrgeiz des Einzelnen, konnte sich das Modell der europäischen sozialen Marktwirtschaft nicht durchsetzen. Die Betonung in Amerika lag auf einem ganz anderen Kapitalismus als in Europa: in den Vereinigten Staaten dominierte eine small state-/self-reliance-Konstellation.
Was waren die Konsequenzen dieser Faktoren – Puritanismus, die Einwanderungswellen, die Horatio-Alger- und die “Land der unbegrenzten Möglichkeiten”-Maxime, die weitverbreitete Ideologie des Sozialdarwinisimus und der Kapitalismus im amerikanischen Stil – für die Verringerung von Rassenspannungen zwischen Schwarzen und Weissen Amerikanern? Die wichtigste Konsequenz in dieser Hinsicht war eine – verglichen mit anderen Ländern – breiter- und tiefergehende Ausdehnung und Erweiterung der Berufssphäre hinein in andere Bereiche der amerikanischen Gesellschaft und des amerikanischen Selbstverständnisses. Unter dem starken Einfluss der auf sie orientierten intensiven Arbeits- und Erfolgsethik wurde die amerikanische Berufssphäre immer mehr und unangefochten zum Zentrum des amerikanischen Lebens. Hier befinden wir uns am Ursprungsort des idealisierten amerikanischen Individuums, das seinem Leben zielstrebig handelnd selbst Form gibt. Einem solchen Individuum - so glaubt man - ist es möglich, durch Arbeit und gesellschaftlichen Aufstieg sein eigenes Schicksal zu gestalten.
Dieser von mir vertretenen Auffassung nach ist das amerikanische Individuum radikal aus der privaten Sphäre von Familie und Freunden und auch aus der Freizeitsphäre herausgerissen und tief und umfassend in eine Berufssphäre gestellt. Lebenssinngebung erwächst aus dieser Sphäre. Charakteristisch für das Arbeitsverständnis in einer solchen erweiterten Berufssphäre ist dabei eine abgeschwächte und säkularisierte puritanische Askese. Das heißt, der Blick jedes Einzelnen ist auf die Aufgabe und das Ergebnis gerichtet. Als höchste Maxime gilt die Aufforderung: ‘get the job done’. Berufliche Mobilität ist hier – anders als im lutherischen “bleib in deinem Beruf” und dem sprichwörtlichen “Schuster, bleib bei deinem Leisten” - ein positives Ideal. Es regiert die “can do!”-Überzeugung. Probleme sind da, um gelöst zu werden: “Solve the Problem” und “Just Do It! ”
Das Leben ist extrem konzentriert auf „die Arbeit“, und innerhalb des Arbeitsbereiches dominieren Effizienz, Organisation von Aufgaben, Produktivität und Wettbewerb auf dem Markt.
In anderen Worten: die säkularisierte puritanische Arbeitsmoral dient dazu, nachdrücklich auf Karierre, Beruf, und Ideale von Tüchtigkeit, Leistung und Erfolg hinzulenken. Das gesellschaftliche und private Leben orientiert sich stark auf den Arbeitsplatz: beruflicher Ehrgeiz geniesst hohen Respekt. Wichtige Werte wie ein gesundes Selbstwertgefühl und persönliche Integrität werden in der Berufssphäre gebildet. Die berufliche Tätigkeit gibt dem Leben Sinn; die Frage: „Wer bin ich?“ bezieht sich auf die Arbeit oder den Beruf und wird durch sie beantwortet. Tatsächlich sagen die Amerikaner: „I love my work.“ Wir haben hier also mit dem Puritanismus das genaue Gegenteil der traditionellen katholischen Auffassung von Arbeit: nämlich Arbeit als notwendiges Übel, und das genaue Gegenteil des Luthertums, in dem Arbeit als eine Pflicht angesehen wird, die verlässlich und mit Hingabe ausgeführt werden soll, aber nicht das Leben des Gläubigen dominieren darf.
Darüber hinaus resultiert eine solche amerikanische Lebensführung nicht gerade in einer ausgeglichenen Balance zwischen Arbeit, Familie und Freizeit. Die hohe Anzahl von Stunden, die die Amerikaner durchschnittlich pro Jahr arbeiten, bestätigt die zentrale Rolle, die Arbeit und eine Leistungsethik im Berufsleben auch heute noch im amerikanischen Leben spielen. Die Amerikaner arbeiten durchschnittlich 1900 Stunden pro Jahr. Vergleicht man diese Zahl mit den Japanern, die im Durchschnitt 1800 Stunden pro Jahr arbeiten und den europäischen Nationen, bei denen die durchschnittliche Zahl der Arbeitsstunden pro Jahr zwischen 1300 und 1500 Stunden liegt, sind die Amerikaner in dieser Hinsicht Weltmeister. Dazu sei noch bemerkt, dass die Amerikaner im Durchschnitt 5 – 7 Jahre später als die Europäer in den Ruhestand treten.
Und jetzt zurück zum Thema. Arbeit und Erfolg im Beruf nehmen eine zentrale und außerordentliche Stellung im amerikanischen Leben ein, und zwar in einem solchen Maße, dass sie den gesellschaftlichen Stellenwert der jeweiligen Ethnizität des Einzelnen verringern. So können wir den weitverbreiteten Respekt für methodische Arbeit, Leistung und das berufliche Aufsteigen in Amerika als ein Werkzeug betrachten, das die Assimilation schwarzer Amerikaner erleichtert. Respekt und Zuneigung erhöhen sich für den leistungsorientierten schwarzen Amerikaner. Dies gilt bedeutend umso mehr, als Wirtschaft und Arbeitsmilieu sich in den siebziger und achtziger Jahren weitgehend bürokratisierten und in Richtung von „white collar“-Arbeitsstellen professionalisierten.
Ich behaupte, dass die Ausdehnung des Berufslebens mit Fokus auf das amerikanische Ideal von Arbeit und Leistung eine stärkere Erklärung für die Abnahme der Spannungen zwischen Schwarz und Weiß bietet als der alleinige Hinweis auf allgemeine „amerikanische Ideale“ oder auf die Rolle der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.
Einige allgemeine Bemerkungen sollen dazu dienen, meine Erklärung zu erweitern. Zunächst erlaubt die obige Analyse eine mögliche Hypothese: Wenn in den nächsten fünf bis zehn Jahren eine große Wirtschaftskrise auf uns lastet, wird sich der Prozess der Annäherung von Minderheiten – nicht nur schwarzer Amerikaner – verlangsamen oder sogar ganz zum Stillstand kommen. Die Gründe hierfür sind offensichtlich: Die Ausrichtung auf methodisches Arbeiten, individuellen Erfolg und Aufwärtsmobilität wird während einer Wirtschaftskrise schwächer werden und ihre lebenssinngebende Eigenschaft verlieren. Wird die amerikanische Gesellschaft dann in schwarze, weisse, hispanische und asiatische ethnische Gruppen “balkanisiert”? Nein, wohl eher nicht. Mit Barack Obama – einer charismatischen Figur mit einer Botschaft von Einheit – ist es denkbar, dass die amerikanische Gesellschaft in Bezug auf ethnische Spannungen eine bedeutsame Wende erfahren hat. Es ist schwer, sich trotz einer längeren ökonomischen Krise eine ethnische Balkanisierung Amerika’s vorzustellen.
Meine zweite abschließende Bemerkung: Betrachten wir angesichts unseres Themas - nämlich die Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen - auch die Situation Deutschlands und Frankreichs. Frankreich bietet ein klares Assimilationsmodell: Alle Immigranten müssen die französische Sprache und Kultur lernen und beherrschen. Diese - so die vorherrschende Meinung - können von allen gelernt und angenommen werden. Erst nach dem erfolgreichen Erwerb sprachlicher und kultureller Fähigkeiten wird eine Person “französisch.” In anderen Worten, Frankreichs Assimilationswerkzeug ist nicht Arbeit und Erfolg, wie in den USA, sondern ein Ideal des “Französisch-Seins” im Sinne einer universalen Idee: Jeder kann Französisch werden. Dieses Modell der Assimilation steht Vorstellungen wie Diversität und “Multikulturismus” diametral entgegen.
Das französische Modell ähnelt der “amerikanische-Ideale”-Erklärung. Insbesondere gleicht sie der amerikanischen Betonung der Ideale der Unabhängigkeitserklärung, der Verfassung, und der “Bill of Rights.” Diese Erklärung scheint aber unzureichend und unvollständig; das heisst, sie orientiert sich zu sehr an Ideen, um tatsächlich einen nachweislich breiten und tiefen Einfluss auf die gesamte amerikanische Gesellschaftsentwicklung auszuwirken. Das französische Modell muss sich der gleichen Kritik aussetzen. Das Ideal allein tritt in Frankreich nicht stark genug auf, um Assimilation tatsächlich hervorzurufen, auch wenn dies mit Nachdruck in den Schulen gelehrt wird.
In Frankreich haben sich noch keine weiteren sozialen Mechanismen wie methodisches Arbeiten und weitverbreitete Aufstiegsträume oder andere Werkzeuge, die eine Entspannung zwischen ethnischen Gruppen fördern, herausgebildet. In Frankreich manifestiert sich auch keine Ausweitung der Arbeitssphäre in andere Bereiche hinein, wie in den USA. Stattdessen bietet sich dem Betrachter das Bild einer “besseren Balance” zwischen den drei großen Lebenssphären Arbeit, Familie und Freizeit an. Klare Grenzen bestehen zwischen den einzelnen Bereichen.
Werfen wir nun kurz einen Blick auf Deutschland.
In Deutschland herrscht die lutherische Berufsidee. Sie treibt eine Person in einem bedeutsamen Maß aus dem Bereich des privaten Lebens, der Familie und des Freundeskreises heraus. Ziel ist ein neuer Bereich - die Berufssphäre -, in dem verschiedene Aktivitäten stattfinden, die jeweils mit Bezug auf Normen und Standards ausgeführt werden. Das heisst, in diesem Bereich richtet sich die Aufgabenorientierung - als Ideal - auf Kompetenz: die Bewertung anderer im Bereich des Berufslebens erfolgt in Hinsicht auf Pflichtbewusstsein, Arbeitshingabe und gelernte Fähigkeiten, nicht in Hinsicht auf Charakterzüge, religiöse Zugehörigkeit oder Ethnizität. Demzufolge scheint der Beruf und die berufliche Kompetenz in Deutschland ein wirksames Werkzeug zur Ausländerintegration zu bieten.
Fassen wir den Vergleich noch ein bisschen genauer.
Erstens wurde die Lutherische Auffassung von “Beruf”, Weber zufolge, in Deutschland nicht mit einem Element der Askese verbunden, wie es im amerikanischen Puritanismus geschah. Tatsächlich scheint bei der lutherischen Berufsidee die extrem methodische- und Ausdehnungskomponente, die beim Puritanismus auffällt, nicht vorhanden zu sein. Die lutherische Berufsidee impliziert auch keine - nach Weber - “psychologische Prämie” für Aufstiegsmobilität. Um wieder mit Luther zu reden, “Schuster, bleib bei deinem Leisten”.
Zweitens wurde die lutherische Berufsidee in Deutschland nicht von enormen Immigrantenwellen aufgenommen oder durch Aufstiegshoffnungen a la Horatio Alger’s ‘American Dream,’ einen Sozialdarwinismus oder einen Kapitalismus der freien Marktwirtschaft unterstützt und weitergetragen. Die Konsequenzen sind ersichtlich: Die deutsche Berufssphäre funktioniert nicht als machtvolles Werkeug, mit dessen Hilfe ihre Bedeutung so weit ausgedehnt werden kann, dass sie eine starke Assimilationswelle in Gang bringen könnte. Stattdessen herrscht in Deutschland, wie in Frankreich, ein Gleichgewicht zwischen Arbeit, Freizeit und Familie.
Nichtsdestotrotz wird deutlich, dass Deutschland zusätzliche eigene klare Assimilationswerkzeuge besitzt.
Zunächst einmal ist hier die soziale Marktwirtschaft zu erwähnen: Sie impliziert durch die Betonung gesellschaftlicher Gerechtigkeit einen gewissen Universalismus. Ideale wie Hilfsbereitschaft und Mitleid werden in Deutschland auch vom Staat als universelle Ideale unterstützt. Darüberhinaus ist Deutschland ein politisch aktiver Staat, der sich ausdrücklich gegen Rechtsradikalismus und für Programme zur Ausländerintegration einsetzt. Dazu sind in Deutschland viele Bürgerinitiativen entstanden. Manche dieser Initiativen gehen von der Schule aus, manche entwickeln sich auf Nachbarschaftsebene und durch Vereine verschiedener Art. Eindeutig ist, dass es eine Vielzahl von solchen gezielten Projekten zur Überwindung der Ausländerfeindlichkeit gibt.
Deutschland bietet so andere Assimiliationsmechanismen und Werkzeuge als die USA und Frankreich. Welches Modell ist für die Zukunft am vielversprechendsten? Das Deutsche, das Französische oder das Amerikanische?
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Ich bedanke mich bei der Atlantischen Akademie für die Betreuung und Gastfreundschaft. Übersetzung von Silvia Beier und Stephen Kalberg.
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