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"Seit wann ist Rheinland-Pfalz denn ein Anrainerland des Atlantiks?" "Sind Sie ein ozeanographisches Institut? Betreiben Sie Meeresforschung?" "Kann man bei Ihnen Kreuzfahrten buchen?"
Als die Atlantische Akademie vor zehn Jahren ihre Arbeit aufgenommen hatte, bekamen deren Mitarbeiter anfangs am Telefon gelegentlich solche und ähnliche Fragen zu hören, teils ernst, teils ironisch gemeint. Insbesondere die erste Frage drückt ein verständnisloses Verwundern aus: was denn in aller Welt sucht eine Atlantische Akademie in Rheinland-Pfalz?
Nun, dem kann man guten Gewissens und selbstbewusst die Antwort entgegenhalten: wo denn sonst als in Rheinland-Pfalz ist eine solche Akademie am Platz!? Denn schließlich ist Rheinland-Pfalz das - wenn die Steigerungsform erlaubt ist - "atlantischste" aller Bundesländer.
Und dies aus mindestens zwei Gründen:
Da ist zum einen die Tatsache, dass seit Beginn der deutschen Amerikawanderung vor über dreihundert Jahren Hunderttausende von Menschen aus dieser Region, insbesondere aus der Pfalz, nach jenseits des Atlantiks gezogen sind - so viele, dass zeitweise der Begriff "Palatines" zum Synonym für "Germans" geworden war. Das Denken und Streben der Menschen dieser Region ging also, wenngleich in der Regel notgedrungen, schon sehr früh über den Atlantik, betrachtete diesen nicht als Barriere, sondern als Binnenmeer, als gemeinsamen europäisch-amerikanischen Raum.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlief die transatlantische Begegnung umgekehrt, von West nach Ost, von Amerika in unsere Region: Hunderttausende ja Millionen von, vorwiegend jungen, Amerikanern kamen hierher, erst als Besatzer, dann als Verbündete, als Freunde, als Nachbarn, und auch, nicht zuletzt, als Arbeitgeber und Auftraggeber; und Zehntausende von Rheinland-Pfälzern haben "beim Ami geschafft", waren Vermieter, Nachbarn, Geschäftspartner amerikanischer Bürger und Behörden. Rheinland-Pfalz wurde, wie es der ehemalige Ministerpräsident Vogel einmal formuliert hatte, zum "Flugzeugträger der Nation". (Wem dies zu militärisch klingt, der mag lieber von einer "Kernregion des atlantischen Bündnisses" sprechen.) Und insbesondere der Sitz der Akademie, Kaiserslautern, ist auch nach dem teilweisen Abzug der amerikanischen Streitkräfte immer noch „K-Town“, das heißt, die amerikanischste aller Städte in Rheinland-Pfalz; denn es sind immerhin an die 40.000 Soldaten und deren Angehörige, die auch heute noch in und um Kaiserslautern herum leben und arbeiten.
Somit darf Rheinland-Pfalz, darf insbesondere die Pfalz aufgrund der transatlantischen Wanderung und der Bedeutung für das nordatlantische Bündnis durchaus als eine "atlantische" Region bezeichnet werden; und es ist nur folgerichtig, dass hier eine Atlantische Akademie gegründet wurde, die zum einen auf dieser transatlantischen Tradition aufbaut und mit den hier vorhandenen "transatlantischen Pfunden" wuchert, zum anderen aber mit neuen Impulsen die transatlantischen Beziehungen zu erhalten und auszubauen trachtet.
Denn Bindungen, ob zwischen Individuen oder Nationen, erhalten sich nicht von selbst. Das Ende des Kalten Kriegs brachte für die deutsch-amerikanischen Beziehungen keine automatische „Friedens-Dividende“; ganz im Gegenteil. So hatte in unserem Land, in unserer Region die Verminderung der Stationierungstruppen ganz gewiss eine quantitative Verringerung der Kontakte zur Folge (die deutsch-amerikanischen Clubs verspüren dies besonders schmerzlich); die Tendenz der amerikanischen Nachbarn, sich in ihre eigene "neighborhood", in ihre Wohngemeinden on base oder off base zurückzuziehen, wurde immer größer. Und auch in den Beziehungen zwischen Deutschland und Europa einerseits und den USA andererseits ist eine deutliche Lockerung scheinbar ewiger gemeinsamer Bindungen und eine deutliche Veränderung der jeweiligen Interessen festzustellen. Die alten transatlantischen Eliten und ihre Kontakte verloren an Gewicht, und vielfach rückten innenpolitisch motivierte Optionen in den Vordergrund.
Umso wichtiger war, dass auf beiden Seiten des Atlantiks damit begonnen wurde, neue Streben in die transatlantische Brücke einzubauen, wo alte rostig oder unbrauchbar geworden waren, und dass neue Fahrspuren gebaut werden, wo die alten holprig geworden sind. Der Entschluss der Landesregierung von Rheinland-Pfalz, eine Atlantische Akademie zu gründen, entsprang genau dieser Absicht: nämlich mit den Mitteln eines Bundeslandes dafür zu sorgen, dass die Bindungen zwischen Europa und Amerika nicht abreißen.
Dem entspricht die Programmatik, entsprechen die Ziele der Akademie; sie will, so steht es in der Satzung, mit ihrer Arbeit
- die Bindungen zwischen den Bürgern von Rheinland-Pfalz und den Bürgern der amerikanischen Gemeinde stärken
- die bisher vorwiegend militärisch geprägten Beziehungen um zivile, kulturelle Dimensionen ergänzen
- die Kenntnisse deutscher Bürger über amerikanische Politik, Gesellschaft und Kultur fördern;
- die Kenntnisse amerikanischer Bürger über deutsche und amerikanische Politik verbessern
- gemeinsame politisch-gesellschaftliche Herausforderungen diskutieren und nach Lösungen suchen
- das Bewusstsein der Bürger der nordatlantischen Gemeinschaft für ihre Zusammengehörigkeit wach halten und stärken.
Daneben hatten der Gründungsakt als solcher und insbesondere die Wahl Kaiserslauterns als Heimat der Akademie natürlich auch noch eine standortpolitische Bedeutung; soll doch die Akademie mit ihrem Veranstaltungsangebot auch überregional auf diese Region aufmerksam machen und für sie werben (wenngleich dies zugegebenermaßen, aus heutiger Sicht, durch eine Fußballweltmeisterschaft viel nachhaltiger erreicht werden kann …)
Es ist ein schöner Zufall - oder vielleicht dem präzisen Funktionieren eines tief in den Menschen dieses Landes und ihren Repräsentanten verwurzelten Atlantizismus zuzuschreiben -, dass sich im Terminkalender des Ministerpräsidenten ausgerechnet an einem 22. Februar ein Platz für die Gründungsfeier der Atlantischen Akademie fand: ist dies doch exakt der Geburtstag des amerikanischen Gründervaters George Washington. Dank des Engagements des damaligen Oberbürgermeisters von Kaiserslautern, Gerhard Piontek, konnte somit am 22. Februar des Jahres 1996 die Atlantische Akademie Rheinland-Pfalz in den Räumen des Theoder-Zink-Museums in der Steinstraße in Kaiserslautern mit drei Mitarbeitern ihre Arbeit aufnehmen. Im Herbst desselben Jahres, am 16. Oktober, konstituierte sich der Trägerverein, dessen fünfköpfiger Vorstand überparteilich besetzt ist.
Finanziert wird die Atlantische Akademie substantiell durch einen vom Landtag zu bewilligenden Zuschuss der Landesregierung, der z. Zt. 290.000 Euro jährlich beträgt. Hinzu kommen Einnahmen aus Beiträgen der Mitglieder des Vereins, aus Drittmitteln und aus Teilnehmergebühren, so dass der Gesamthaushalt je nach Jahr bei ca. 350.000 Euro liegt. Obwohl der Verein einige institutionelle Mitglieder mit einem Jahresbeitrag von 1.500 Euro hat, wäre zu wünschen, dass sich vor allem Unternehmen noch stärker engagieren, um den Anteil privater Mittel an unserem Budget zu erhöhen.
Heute, zehn Jahre nach ihrer Gründung, kann die Akademie auf eine stattliche Reihe von Veranstaltungen zurückblicken, von denen die meisten große überregionale Aufmerksamkeit gefunden haben und finden. Tausende von Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der Region, aus dem übrigen Deutschland und auch aus dem Ausland haben an unseren Veranstaltungen teilgenommen; Hunderte von Referentinnen und Referenten sowie von Künstlerinnen und Künstlern haben an unseren Veranstaltungen mitgewirkt; und wir konnten mit vielen Partnerinstitutionen in Deutschland und USA Kooperationsbeziehungen unterschiedlichster Art aufbauen.
Dass ein Bundesland, das gewiss nicht zu den reichsten gehört, in diesen finanziell angespannten Zeiten nicht unerhebliche Mittel bereitstellt, um den deutsch-amerikanischen Beziehungen neue Impulse zu geben, wird als nicht hoch genug zu rühmende Leistung anerkannt, und nicht selten hört man von Teilnehmern, Referenten und Partnern aus anderen Bundesländern den Seufzer: ‚Ach, gäbe es bei uns doch etwas Ähnliches!’
Nun, das wird sich wahrscheinlich in den nächsten Jahren kaum ändern. Umso mehr freuen wir uns, dass es unsere Akademie gibt, die ja für Bürgerinnen und Bürgern aus allen Bundesländern offen ist. Und wir hoffen, dass auch in der nächsten Dekade die Akademie eine gute Adresse für alle diejenigen bleibt, die sich aus aufgeklärtem und wissensdurstigem Interesse heraus mit der großen demokratischen Republik Amerika und den transatlantischen Beziehungen auseinandersetzen wollen.
Dr. Werner Kremp, Direktor der Atlantischen Akademie e.V. von 1996 bis 2010
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