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Mit Müllers Lust on the road again
Wenn Barack Obama am 20. Januar in sein Amt als US-Präsident eingeführt wird, ist die Atlantische Akademie Rheinland-Pfalz dabei. Zumindest via Fernseh-Übertragung in ihre Räume im Kaiserslauterer Rathaus Nord. Die "Public-Viewing"-Party ist beileibe keine Veranstaltung für wissenschaftliche Zirkel, sondern für jedermann. Schließlich will die Akademie möglichst viele Menschen für die transatlantischen Beziehungen interessieren, wie Direktor Werner Kremp im Gespräch mit der Rheinpfalz-Redakteurin Anke Herbert erläutert.
Sie leiten die Akademie nicht nur, sondern sind sozusagen auch der geistige Vater. Wie kam es denn dazu?
Die Idee hatte ich schon 1985. Bei meiner Arbeit für die Ebert-Stiftung in Saarbrücken gab es so viele Menschen, die sich für die USA-Seminare interessierten, dass ich mir dachte, man sollte eine Akademie gründen.
Was aber erst 1996 geschah ...
Das war eine witzige Geschichte. Damals war ich schon drei Jahre in der Mainzer Staatskanzlei. 1994/95 suchte der neue Ministerpräsident Kurt Beck Ideen für seine Regierungserklärung. Ich sprach von der Akademie, hörte dann nichts mehr - um sie in der Erklärung wiederzufinden. Das freut mich natürlich heute noch.
Die Landesregierung hatte aber auch ein veritables Eigeninteresse an einer solchen Institution.
Wenn sie Rheinland-Pfalz als Militärstandort erhalten will, muss sie ein entsprechendes Klima schaffen, das liegt auf der Hand und ist legitim. Und es ist unser Job, durch eine auf die USA bezogene politische Bildung die Menschen zu informieren und dabei mehr Verständnis für den jeweils anderen zu wecken. Übrigens ist die Akademie bundesweit tätig und hat mit ihrer exklusiv auf die transatlantischen Beziehungen gerichteten Arbeit ein "Alleinstellungsmerkmal".
Wegen der Belastungen durch die hier stationierten Streitkräfte, aber auch wegen ihrer Außenpolitik sind die USA nicht immer beliebt. Bekommen Sie das auch zu spüren?
Natürlich gibt es auch Widerstände, und das ist nicht immer ganz einfach. Ich denke aber, dass wir uns gut positioniert haben, unsere Arbeit anerkannt wird. Zumal wir vor allem die jungen Menschen im Blick haben. Allein 2008 hat die Akademie 50 Workshops in rheinland-pfälzischen Schulen veranstaltet. Die Kontakte - auch zu den Lehrkräften - sind gut. Beweis dafür: Bei der Wahlparty vom 4. auf 5. November waren sehr viele junge Leute bei uns.
Wie aber sprechen Sie ganz normale Bürger an?
Zum einen durch Tagungen. Wie mit Architekten zur Zukunft von Kirchenbauten. Oder nehmen Sie das Public Viewing am 20. Januar. Wir hatten viel Resonanz auf ein Quiz beim Rheinland-Pfalz-Tag in Baumholder, werden 2009 in Bad Kreuznach wieder dabei sein. Durch unseren Umzug ins Kaiserslauterer Rathaus Nord haben wir jetzt auch Platz für Kulturelles. Meinem Kollegen Wolfgang Tönnesmann und mir schweben da Lesungen vor, Konzerte und mehr.
2009 ist der 300. Jahrestag der Massenauswanderung von Pfälzern nach Amerika. Das lässt sich bestimmt auch für Veranstaltungen nutzen?
Da sind wir schon dran. Zusammen mit dem Institut für Pfälzische Geschichte und Volkskunde und dem Kaiserslauterer Theodor-Zink-Museum. Es wird zwei öffentliche Fachtagungen geben, eine Ausstellung und Liederabende mit "Travel-Songs".
Im nahen Ramstein wird ein Dokumentations- und Ausstellungszentrum zur Geschichte der Air Base und der Amerikaner in Rheinland-Pfalz geplant. Eine Konkurrenz?
Ganz im Gegenteil, wir freuen uns darüber. Wir selbst sind weder ein Museum, noch ein Archiv. Obwohl der Bedarf da ist. Zentrum und Akademie werden sich wunderbar ergänzen und ganz sicher auch gemeinsame Dinge auf die Beine stellen.
Gehen Ihnen denn nach so vielen Jahren Deutschland/USA nicht langsam die Ideen aus?
Um ehrlich zu sein: Ich habe noch 1000 Ideen, was man machen kann. Nehmen Sie nur das Wandermotiv in Deutschland und den USA, fragen Sie mal nach, aus welchen Gründen die Menschen hier wie dort ruhelos sind. "Mit Müllers Lust on the road again" wäre ein schöner Titel. Oder wenn Sie ein ganz aktuelles Beispiel haben wollen: Einladen würde ich gern einen 29-jährigen Amerikaner, der vier Jahre in Baumholder stationiert war. Zurück in den Staaten, hat er das Plattenlabel "To The Fallen Records" gegründet, das sich auf die Musik von Kriegsveteranen spezialisiert hat. So soll die Realität bei den Streitkräften vermittelt werden. Eine spannende Sache.
Zur Sache: Atlantische Akademie
Am 22. Februar 1732 wurde der amerikanische Gründungsvater George Washington geboren. Exakt 264 Jahre später, am 22. Februar 1996, erblickte ein anderes Kind das Licht der Welt: die Atlantische Akademie e.V. Rheinland-Pfalz. Das Datum war zwar zufällig gewählt, weil im Terminkalender von Ministerpräsident Kurt Beck an jenem Tag noch Platz war; trotzdem hätte es nicht passender sein können.
Was Rheinland-Pfalz und der Atlantik, respektive das Nordatlantische Bündnis, miteinander zu tun haben, ist eine Frage, die die Akademie zu Beginn ihrer Arbeit immer wieder zu hören bekam. Die Antwort liegt auf der Hand: Vor über 300 Jahren begann mit den deutschen Auswanderern nach Amerika die gemeinsame Geschichte. Der Atlantik wurde nicht als unüberwindliches Hindernis, sondern als Binnenmeer betrachtet, wie es die Akademie beschreibt. Nach 1945 setzte eine umgekehrte "transatlantische Wanderung" ein. Vor allem junge Amerikaner kamen, überwiegend als Soldaten, nach Deutschland, zunächst als Besatzer, dann als Verbündete. Rheinland-Pfalz war und ist dabei der bedeutendste Stationierungsstandort, sozusagen eine "atlantische Region" - und Kaiserslautern mit seiner US-Militärgemeinde das Zentrum. Im Herzen dieser Stadt hat die Atlantische Akademie ihren Sitz.
"Bindungen, ob zwischen Individuen oder Nationen, erhalten sich nicht von selbst": Auf dieser Erkenntnis basiert die Arbeit der Akademie. Denn das Ende des Kalten Krieges, aber auch die US-Politik nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 brachten jeweils auf ihre Weise eine Lockerung der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Das betraf sowohl Quantität als auch Qualität.
Insofern will die Akademie "neue atlantische Brücken" bauen. Auf diese Weise soll die politisch-kulturelle Zusammengehörigkeit der Nato-Nationen lebendig gehalten werden. Gemeinsame deutsch-amerikanische und europäisch-amerikanische Herausforderungen gilt es zu erkennen und zu diskutieren. Letztlich soll das wechselseitige Wissen um Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur von Deutschland und den USA gefördert werden und damit auch das gegenseitige Verständnis.
Finanziert wird die Akademie vom Land mit derzeit rund 300.000 Euro im Jahr. Hinzu kommen Beiträge aus dem Ende 1996 gegründeten Trägerverein sowie Drittmittel und Teilnehmergebühren aus Veranstaltungen, wie beispielsweise in Lambrecht. Der Jahresetat beträgt insgesamt rund 330.000 Euro. Die Akademie verfügt über drei Mitarbeiter. (ahb)
Wir danken der Redakteurin Anke Herbert und dem Verlag DIE RHEINPFALZ für die Erlaubnis, das in der Ausgabe der RHEINPFALZ vom Montag, dem 12. Januar 2009 erschienene Interview und den dazu gehörenden Artikel "Zur Sache: Atlantische Akademie" auf unserer Homepage zu veröffentlichen.
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