von Finja Menges
Der Wohnort entscheidet über das alltägliche Leben: die Schulwahl, das soziale Umfeld, die Freizeitgestaltung und die Lebensqualität. Während man auf dem Land vielleicht seine Zeit mit einem Spaziergang durch die Natur verbringt, entscheidet man sich in der Stadt eventuell dafür, in ein Restaurant zu gehen, oder einen der vielen Läden in den Straßen zu entdecken. Auch die Luftqualität, der Wohnstandard, der Lärm, das Trinkwasser und sogar die Temperatur hängen maßgeblich von dem Wohnort ab, so ist z.B. die Temperatur in Städten deutlich erhöht.
Die Chicago School, eine Forschungsgruppe der University of Chicago hat sich intensiv mit dem Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Raum auseinandergesetzt und damit die Stadtsoziologie geprägt. Mein Blogbeitrag befasst sich mit der ethnischen Segregation in Chicago, da der Wohnort das gesamte Leben prägt und soziale Ungleichheiten mainifestiert und sichtbar macht.
Chicago während der Industrialisierung
Am Anfang des 20. Jahrhunderts verzeichnete die Stadt einen erheblichen Bevölkerungszuwachs. Die Chicago Defender, die führende afroamerikanische Zeitung in den USA, versprach der afroamerikanischen Bevölkerung bessere Lebensbedingungen und ökonomische Chancen in den industriellen Fabriken. Der Ausbau dieser Fabriken und die Etablierung Chicagos als industrieller Standort erfolgten insbesondere während des ersten Weltkrieges. Der sogenannte „Black Belt“, welcher südlich in der Stadt gelegen war, entstand als Folge eines großen Brandes 1874, da viele der betroffenen Afroamerikaner im Anschluss in das südlich gelegene Viertel der Stadt gezogen waren.
Viele afroamerikanische Personen entschieden sich auch bewusst dafür, im „Black Belt“ zu leben, um Teil ihrer Community zu sein. Gleichzeitig wurden sie aber ebenfalls durch systematische Diskriminierung von Hausbesitzern und Institutionen in diese Gebiete verdrängt. Immobilieneigentümer und -entwickler fürchteten, dass der Verkauf oder die Vermietung an afroamerikanische Personen den Wert und die Attraktivität ganzer Stadtbezirke verringern würde. Auch wenn der Supreme Court Gesetze zur räumlichen Segregation 1917 für verfassungswidrig hielt, hielt es private Eigentümer und Institutionen nicht davon ab, die afroamerikanische Bevölkerung von einem Kauf oder Vermietung abzuhalten.
Trotz der massiven Zuwanderung in den Stadtbezirk „Black Belt“ konnte sich das Stadtviertel räumlich kaum vergrößern. Ein Bewohner beschrieb das Leben im „Black Belt“ als „Stadt in der Stadt“, mit eigenen Institutionen, Geschäften und Religionsgemeinschaften. Innerhalb dieser Gemeinschaft entstanden der Optimismus und die Hoffnung auf eine gemeinsame bessere Zukunft. Die blühende Jazz Musik Anfang des 20. Jahrhunderts spiegelte die optimistische Grundhaltung wider, trotz der angespannten gesellschaftlichen Lage.
The Red Summer of 1919
Als Ausdruck für den Konflikt zwischen afroamerikanischen und weißen Amerikaner*innen kam es 1919 zu dem sogenannten „Red Summer“. Auslöser war der Tod von Eugene Williams, einem 17-jährigen Afroamerikaner, der im Sommer mit seinen Freunden an den Strand schwimmen gehen wollte und von einer Gruppe weißer Menschen mit Steinen beworfen wurde, da er einen Bereich betrat, welcher nur für Weiße vorgesehen war. Als die Polizei sich weigerte, den verantwortlichen Mann zu verhaften, eskalierte die Situation. Eine Woche lang zog sich der Race Riot und brachte 38 Tote mit sich und über 500 Verletzte, davon überwiegend Afroamerikaner.
Die Schulsegregation
Eine städtische Verordnung aus dem Jahre 1863 schrieb getrennte Schulen für afroamerikanische und weiße Schüler vor. Diese Politik wurde im 20. Jahrhundert verstärkt und so wurden die Schulbezirksgrenzen entlang der segregierten Wohngegenden gezogen. Die Schulen für die afroamerikanische Bevölkerung waren überfüllt. Anstatt die Schüler an Schulen zu vermitteln, die weniger übererfüllt waren, fand man auf den Parkplätzen der Schulen häufig sogenannte Willis Wagons. Diese wagons waren mobile Klassenzimmer, die aus Wellblech bestanden. Versuche der Integration in den 70er Jahren, ermöglicht durch wegweisende Urteile des Supreme Courts, zum Beispiel durch das sogenannte „Busing“ (die Beförderung von afroamerikanischen Schülern in Schulen, an denen mehrheitlich weiße Schüler waren), scheiterten oft an Protesten von weißen Eltern.
Bedeutung für den Black History Month und aktuelle Bemühungen
Der Black History Month macht die Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung sichtbar und zeigt, dass Segregation in Chicago nicht zufällig passierte, sondern das Ergebnis von systematischer Diskriminierung war. Die Aufarbeitung der ethnischen Segregation in Chicago ist deshalb von großer Bedeutung für das Verständnis gegenwärtiger Ungleichheiten.
Das Thema hat auch in jüngster Gegenwart nicht an Aktualität eingebüßt. Auch im Jahr 2013 kam es dazu, dass sich der damalige Bürgermeister dazu entschied, öffentliche Schulen zu schließen, um einem Haushaltsdefizit entgegenzukommen. 42 der 50 geschlossenen Schulen hatten dabei einen Anteil an Afroamerikanern von über 75 Prozent. Die sozialen Ungleichheiten werden dabei von Generationen zu Generation übertragen. Es hat also auch gegenwärtige Auswirkungen, dass in der Vergangenheit die afroamerikanische Bevölkerung diskriminiert wurde und entsprechend weniger häufig einen Kredit bei der Bank aufnehmen konnte. Nur 38 Prozent der afroamerikanischen Haushalte in Cook County besitzen ihre Häuser, verglichen mit 70 Prozent der Haushalte, bestehend aus weißen Personen.
Angesichts dieser anhaltenden Ungleichheiten hat Bürgermeister Brandon Johnson im Jahr 2024 einen historischen Schritt unternommen. Er führte eine Taskforce ein und räumte der Stadt eine moralische Verpflichtung ein, Ungerechtigkeiten gegen die afroamerikanische Bevölkerung Chicagos entgegenzuwirken. Der Kampf um Gleichberechtigung geht somit weiter.
Finja Menges ist Studentin der Soziologie im Bachelor an der Universität Mannheim Der Blogbeitrag ist ein persönlicher Meinungsbeitrag.







