von Jeremias Proswitz
Intuitiv ist das Bild vom Hintergrund des „typischen“ MAGA-Anhängers klar: älter, weiß, aus ländlich geprägten Gegenden stammend, ohne College-Abschluss, aber mit roter Baseballkappe und dem Gefühl, „abgehängt“ oder ein „Globalisierungsverlierer“ zu sein. Jedoch: Wäre die Wirklichkeit so einfach, dann würde das Phänomen „Trump“ weniger eine Herausforderung für die liberale Demokratie der USA darstellen, als dies seit 2016 der Fall ist.
JD Vance und MAGA
Denn dass es sich bei der MAGA-Bewegung hinter Trumps erster und zweiter Präsidentschaft um mehr als nur um die unzufriedene, konservative untere Mittelschicht der USA handelt, rückt spätestens mit dem Auftreten des Vizepräsidenten „JD“ Vance immer mehr in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Hier wirken die Auftritte, Äußerungen und Aktionen weniger erratisch als beim Präsidenten. Dafür nimmt man für sich den Nimbus in Anspruch, ein „weltanschauliches“ Programm zu haben. Und das, obwohl Vance bis 2022 noch als Kritiker Trumps und eher Hillary Clinton zugeneigt galt. In dieser Phase veröffentlichte er auch sein Buch „Hillbilly Elegy“ (2016), das trotz dessen heute häufig als anschaulicher Schlüssel zum Verständnis der MAGA-Bewegung genannt wird. Über konservative oder postliberale politische Theorie findet sich dort wenig; dafür eine sehr persönliche, fast „klassisch“ anmutende American-Dream-Aufsteigergeschichte, nach der sich die eingangs skizzierte Wählerschicht zu sehnen scheint.
Die Personen hinter Vance
Was allerdings im Buch Erwähnung findet, ist der Name Peter Thiel, der für Vances Weg prägend ist. Über den deutschstämmigen US-Risikoinvestor schlägt sich die Brücke zu der modernen Wiederbelebung reaktionären Denkens in den USA. Thiel ist immer wieder mit eigenwilligen, aber kaum bestreitbar demokratiekritischen bis autoritären und christlich-reaktionären Äußerungen aufgefallen, sowie mit Einflussnahmen auf die Republikanische Partei oder der Finanzierung von Vances Wahlkampf. Teilweise wird versucht, seine Denkrichtung als „paläolibertär“ zu beschreiben: als die Verknüpfung von wirtschaftlich sehr libertären mit kulturell sehr konservativen Vorstellungen.
In dieses weite konservativ-intellektuelle Umfeld um Vance fallen weitere Namen, die als „Einflüsterer“ oder „Stichwortgeber“ der fundamentaleren „zweiten Reihe“ hinter dem US-Präsidenten Trump gelten. Denker wie Philip Pilkington oder Patrick Deneen sehen den Liberalismus als vorherrschende Ideologie an sein Ende gekommen. Folglich skizzieren sie eine Gesellschaft der „postliberalen“ Vereinigten Staaten. Nun tragen auch sie keine weiteren als die seit der Französischen Revolution bekannten Kritikpunkte am Liberalismus vor. Sie passen sie auf die Gegenwart an und sehen in der Möglichkeit zur freien Entfaltung des Individuums die Ursache für die Fragmentierung und Polarisierung der Gesellschaft. Aber all dies ist auch am Beispiel USA spätestens mit Tocquevilles „Über die Demokratie in Amerika“ (1835/40) längst durchdekliniert und im politikwissenschaftlichen Diskurs eingepreist. Insofern müssten die katholischen Vordenker des amtierenden US-Vizepräsidenten auf theoretischer Ebene nicht weiter beachtet werden. Jedoch erhalten sie heute mit der Exekutive Zugriff auf die second branch of government, und können daher nicht länger außen vorgelassen werden.
Die liberale Ordnung und ihre Krise
Was sie auf konzeptioneller Ebene herausfordernd macht, wird von Patrick Deneen, Professor an der katholischen Privatuni „Notre Dame“ in Indiana, paradox auf den Punkt gebracht: „Liberalism has failed, because it succeeded.“ (Deneen, Why Liberalism Failed). Die Ursachen für nahezu alle Krisen der Gegenwart wären demnach in der liberalen Ordnung begründet, die sich überlebt habe. Dass nun eine „postliberale“ Ordnung vorzudenken sei, liege daran, dass sich das Freiheitsverständnis des liberalen Denkens über die Jahrhunderte gewandelt habe. Während man früher einem „negativen“ Freiheitsbegriff gefolgt sei, also der Freiheit von Zwang oder staatlicher Willkür, herrsche heute ein bevormundender „Nanny-Staat“, der durch gut gemeinte Eingriffe die Bedürfnisse und Ziele der Menschen befriedige – also ihrer „positiven“ Freiheit zum individuellen Lebensentwurf verhelfe. Da aber „gut gemeint“ das Gegenteil von „gut gemacht“ ist und Bevormundung das Gegenteil von individueller Freiheit, habe sich die Epoche des Liberalismus durch ihren großen Erfolg im 20. Jahrhundert selbst an ihren historischen Endpunkt manövriert, so argumentieren Deneen und andere Postliberale.
Wie soll nun aber eine Welt aussehen, deren Vordenker behaupten, den Liberalismus überwunden zu haben? Hier gibt wieder Deneen Antwort. Sein Buch Regime Change (2023) soll nicht weniger als den Weg „towards a postliberal Future“ aufzeigen. Dort angekommen, stünde das politische System der USA Kopf. Statt der liberalen Entfaltungsfreiheit des Individuums wäre ein kommunitaristisch anmutender „common good conservatism“ die Bemessungsgrundlage der Politik. Statt der bisherigen politischen Eliten herrschte eine Mischverfassung mit einer neu herauszubildenden Klasse meritokratischer Aristoi, die sich populistisch per Akklamation legitimieren ließe. Aus der Verbindung dieser beiden Stichworte ergibt sich die Bezeichnung, die Deneen seinem Herrschaftsmodell verleiht: „Aristopopulismus“. Eine dünne Schicht der „Besten“ oder „Edelsten“ (ἄριστοι) der amerikanischen Gesellschaft soll sich an dem – aus konservativer Sicht – Gemeinwohl orientieren und sich ihre Entscheidungen durch die öffentliche Zustimmung des „einfachen Volkes“ absegnen lassen.
Die Rolle der katholischen Kirche
Zur Herleitung dieses dann tatsächlich nicht mehr liberalen Gesellschaftsentwurfes wird von seinen Vordenkern, bei denen neben den genannten Deneen und Pilkington noch Chad Pecknold oder Kenneth Craycraft zu nennen wären, eifrig die katholische Soziallehre in Beschlag genommen. Hierdurch erhält das ohnehin schon brisante Thema eines möglicherweise drohenden Gesellschaftsumbaus der USA zusätzlichen Schwung. Denn die römisch-katholische Kirche ist die größte einzelne Glaubensgemeinschaft in den USA und zudem anteilig im Wachstum begriffen. Zahlreiche Republikaner im Umfeld der aktuellen US-Regierung sind aktive Katholiken oder, wie Vizepräsident Vance und Außenminister Rubio, unlängst konvertiert. Dass sich die katholische Soziallehre aber nicht einfach so für eine konservativ-theologisch fundierte Politik hernehmen lässt, sondern dass es sich dabei um eine politische Vereinnahmung handelt, fördert die gegenwärtige Spannung zwischen US-Administration und Papst Leo XIV. offen zu Tage. Dabei geht es um die Fruchtbarmachung theologischer Argumente zur Legitimation der US-(Außen-)Politik, etwa in Bezug auf den Iran-Krieg.
Überdies stehen die ca. 52 Millionen Mitglieder der katholischen Kirche in den USA nicht geschlossen hinter den Republikanern, geschweige denn hinter Vance oder der MAGA-Bewegung. Auch wenn einige Schlüsselpositionen im US-System heute konservativ-katholisch besetzt sind (zum Beispiel sechs der neun Richter am Supreme Court), bedeutet das nicht, dass man es hier mit einer zusammenhängenden, organisierten Bewegung zu tun hätte. Vielmehr verschiebt sich der konfessionelle Hintergrund religiöser Einflussnahmen auf die Politik, der bisher eher evangelikal und damit protestantisch dominiert war. Doch geht dies mit einer Wende nach rechts einher, die sich letztlich ganz profan bemerkbar macht, wenngleich sie religiös begründet wird. Welchen Weg die USA zukünftig weiter beschreiten werden, das hängt maßgeblich von den Wahlen 2028 ab.
Was bleibt?
Was bei der Beschäftigung mit dieser neuesten Strömung einer politischen Theologie hängen bleibt, ist, dass die postliberale Kritik den Finger teilweise in bestehende Wunden legt. Man kann den Schmerz beklagen, man kann ihn aber auch als Weckruf annehmen, aus der Polykrise herauszufinden. Liberale Gesellschaften haben mehr Wohlstand, Freiheit und Rechtssicherheit geschaffen, als jede vormoderne Ordnung. Ihre Stärke liegt darin, dass sie eine gemeinsame Tugend oder Sittlichkeit nicht zu erzwingen braucht.
Diese Errungenschaften waren so erfolgreich, weil sie gerade nicht gescheitert sind.
Jeremias Proswitz ist Master-Student der Politikwissenschaft an der RPTU in Kaiserslautern. Der Blogbeitrag ist ein persönlicher Meinungsbeitrag.








